Es war der Morgen nach Heiligabend. Noch dunkel. Meine Schritte wurden zögerlich. Ich wusste, ich würde ihn wieder hier finden, und doch… 

Mit jedem Jahr, mit jedem Morgen nach einem Heiligabend, wuchs meine innere Unruhe wenn ich mich auf den Weg machte. Mit jedem Mal mehr dieses unterschwellige fühlen von Verlust. 
Das schwere Holzportal schloss sich hinter mir. Im letzten Moment noch, aus den Augenwinkeln, das erwachen des Tages wahrnehmen. 
Die Luft im Raum war eine andere, würzig, kühl. Die Stille um mich herum besaß eine akustische Tiefe. Lautlos, und doch hörbar. 
Eine Bank, dunkel gealterte Eiche. Von Vielen in vielen Jahren glattgesessen. Der Alte saß mit dem Rücken zu mir, den Kopf gesenkt, ein aufgeschlagenes Buch im Schoß mit beiden Händen haltend. Viele Seiten. Dünnes Papier… 
„Du bist da…“ Im Moment als ich ihn ansprach löste sich sein statisch wirkender Zustand. Schwach wahrnehmbar seine Bewegungen, nur ansatzweise durch den Faltenwurf in seiner Kleidung erkennbar. 

„Und du bist gekommen. Das ist gut. Du bist bei dir.“ 

Seine Worte richtet er an mich ohne sich mir zuzuwenden. „Ich habe etwas für dich. Bewahre es seit einiger Zeit schon in mir, für dich.“ „Was ist es, wo?“ „Nimm!“ Beide Hände hoben sich, reichten mir das Buch. Ich nahm es, hielt es jetzt mit meinen Händen. Ein altes Buch, schwarzlederner Einband. Viele Seiten, dünnes Papier, und, gewichtig! 

Es war schwer. Sehr viel schwerer als Größe und Seitenzahl vermuten ließen. Mein Blick erfasste den Text der zuoberst aufgeschlagenen Seiten. Doch schon mit dem Leseversuch vom ersten Satz, verlor die alte Schrift an Substanz. Unlesbar. 
„Sag, was genau ist es, das du für mich hast?“ Noch beim aussprechen meiner Frage erhöhte sich das Gewicht des Buches ins kaum noch tragbare, zog mich herunter. Es loszulassen war mir unmöglich. Ich ging ächzend auf ein Knie, stützend für Buch und Hände, sah zu ihm: „Bitte, kannst du helfen?“ 

Jetzt wandte er sich mir zu. Das Gewicht der Seiten erhöhte sich noch einmal. Kein Leder mehr, kein Papier, …ein Stein! Und nur noch eine einzige Seite. 

Seine Stimme erhob sich: 

„Ja, ich kann helfen. 

Und du? …kannst du lesen!?“ 
Die Buchstaben bildeten sich einzeln vor meinen Augen im Stein: 

D U   S O L L S T   K E I . . . 



© Foto und Text by Carlder
  

Ein Gedanke zu “(M)Eine Weihnachtsgeschichte(?) 

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